Donnerstag, 27. August 2009

Lausige Ausreden...

Donnerstag. Seit nun 2 Wochen habe ich kein Eintrag mehr veröffentlicht. Warum? Hier kommen meine Ausreden ;) Sind zwar nicht die Besten, aber ich gebe mir trotzdem Mühe:
1. Am Abend bin ich schreibtechnisch kreativer als nachmittags. Leider war ich aber die letzten Tage abends zu Müde zum Schreiben und habe lieber Serien mit meinen Kojen-Kumpanen geschaut.
2. Viele meiner Freunde sind oder werden bald abreisen und ich bin traurig (keine gute Vorraussetzung zum Schreiben)
3. Wir haben endlich unseren neuen Zahnarztstuhl eingebaut bekommen und jetzt bin ich die ganze Zeit am rauskriegen, wie man ihn pflegt und instandhält.
4. Neue Kabinen-Mitbewohnerin ist eingezogen. Sich kennenlernen nimmt Zeit in Anspruch.
5. Es hat aufgehört zu regnen, die Sonne scheint.
6. Cassiopeia ist zurück. Verifizierung steht aber noch aus.
7. Selbst schlechte Ausreden gehen mir aus.


Aber ganz faul war ich in der letzten Woche auch nicht. Ich habe schon 4 Beiträge angefangen zu schreiben. Sie müssen nur noch fertig geschrieben werden.
Darauf könnt ihr euch demnächst freuen:
› Im Flüchtlingslager ( 2 Tage im UN-Flüchtlingslager Zähne ziehen)
› Rapunzel, Rapunzel, schenk mir dein Haar ( Haar-Spende-Aktion für Krebskranke Kinder)
› Das unerwünschte Gepäckstück ( Was man alles lieber zuhause lassen sollte)
› Ein trauriges Wochenende (3 Verstorbene (keiner von unseren Mitarbeitern!), 3 kurze Geschichten, 3 Schicksale)

Montag, 24. August 2009

Ein trauriges Wochenende

Letztes Wochenende. Samstag. Ein kleines Baby (9 Monate) liegt auf der Intensivstation. Was es hat? Das weiß keiner genau oder es ist aufjedenfall nicht so einfach zu beantworten. Er kam zu uns mit einer Mund-Kiefer-Gaumen-Spalte und daraus resultierend total unterernährt. Nach einigen Wochen hat er an Gewicht zugelegt und es schien ihm besser zu gehen. Letzte Woche änderte sich das aber schlagartig. Sein Blutwerte waren in Ordnung. Hiv-Negativ. Aber sein Körper sagte etwas anderes. Nur was? Das konnten wir nicht verstehen. Damit sein Herz aufhört, einen Marathon hinzulegen, wurde das Baby beatmet, um dadurch die Atmung unter Kontrolle zu kriegen und das Herz zu beruhigen. Sonntag war sein körperlicher Zustand so schlimm, dass im Grunde nur die Geräte ihm am Leben erhielten. 24 Stunden später ist er dann gestorben. Auch wenn es Vorhersehbar war, hoffe ich doch immer noch auf ein Wunder. Diesmal gab es keins. Oder doch? Die Mutter brachte das Kind zu uns, obwohl das Dorf, aus dem sie kommt dagegen war. Werden hier Kinder mit einer Fehlbildung geboren, wird sofort angenommen, dass es verflucht sei und dementsprechend auch nicht so behandelt wie andere Kinder. Ich glaube, dass alle Mütter ihre Kinder lieben, aber aus Selbstschutz eine Mauer aufbauen, dass wenn das Kind verstirbt es nicht so sehr wehtut. Klingt vielleicht ein wenig krass, aber hier ist die Kindersterblichkeitsrate einfach mal viel höher. Das Baby zum Beispiel wurde auch gar nicht erst geimpft und bekam auch nicht die rituellen Schnittwunden im Gesicht. Die Haltung der Mutter zu ihrem Kind hat sich von Grund auf verändert. Meine Freundin konnte es gar nicht so genau erklären. Meist merkt man so was auch nur. Ich hoffe, dass diese Mutter mit einem veränderten Herzen ein Beispiel in ihrem Dorf sein kann und jedes Kind das Recht hat, geliebt zu werden.
Als wäre das alles nicht schon "aufregend" genug, kam eine Mutter am Sonntag mit ihrem Baby zu uns. Das Kind sollte aufgenommen werden, damit am nächsten Tag die Operation stattfinden kann. Sie wartete geduldig vor der Gangway bis sie rankam als sich herausstellte, dass das Kind gar nicht mehr atmet. Eine Krankenschwester nahm es sofort und brachte es zur Intensivstation, aber alle Wiederbelebungsversuche waren erfolglos. Nach einem Gespräch mit der Mutter stellte sich dann heraus, dass das Kind schon vor einer Weile aufgehört hat zu atmen. Als ich das gehört habe, konnte ich es erst nicht glauben. Wieso hat sie nicht gleich was gesagt, wieso, wieso, wieso??? Aber mit "wieso" kommt man bekanntlich selten weiter. Um nicht das erhöhte Farhpreisentgelt zu bezahlen, hat sie das Kind wieder auf den Rücken gebunden und ist in ihr Dorf gefahren.
Samstag. Es ist Nacht. Aufgeregte Männer vom Schiff gleich hinter uns kamen auf unsere Security-Guards zu. Ein betrunkener Mann ist ins Wasser gefallen. Medizinisches Personal von uns kam zur Hilfe. Nach 45 Minuten Wiederbelebungsmaßnahmen konnten sie nur noch den Tod feststellen. Es war zu spät.
Und wieder realisiere ich, dass ich auf einem Krankenhausschiff wohne. Hier werden Menschenleben verändert und leider enden sie manchmal auch hier. Das alles spielt sich nicht einmal eine Minute von mir entfernt ab. Wenn ich darüber nachdenke bekomme ich Gänsehaut.

Samstag, 22. August 2009

Zähne ziehen im Flüchtlingslager

Donnerstag.Es ist 7 Uhr. Die Vögel zwitschern. 20 verschlafene zahnmedizinische Mitarbeiter stehen am Dock, bereit zur Abfahrt. Mit 4 Autos ging es dann los zum UN-Flüchtlingslager. Ich war einer der Fahrer. Meine erste lange Fahrt durch Benin. Am Ende der 2 Tage sollten es dann knapp 300 km werden. 2,5 Stunden Motorroller, Palmen, riesige Lastwagen, viele Schlaglöcher später sind wir dann am Camp angekommen und ich muss sagen, ich war positiv überrascht. Was würdet ihr euch unter einem Flüchtlingslager vorstellen? Meine Vorstellungen waren: große weiße Zelte, (ein wenig) Chaos, weinende Kinder, Gas-Kocher mit großen Kochtöpfen, gähnende Leere drumherum und traumatisierte Erwachsene. Weiß gar nicht, woher ich das habe. Wie auch immer. Das Gegenteil war hier der Fall. Fröhliche, aufgeweckte, niedliche Kinder (gefühlte 150!) kamen auf uns zugerannt , langten nach weißen Händen und fragten nach unserem Namen.



Weit und breit auch keine großen Zelte. Stattdessen Palmen wohin man sieht und Hütten aus Holz und Palmenblättern. Eine wirklich wunderschöne, gepflegte Anlage. Ausladen und Aufbauen war jetzt angesagt. Da ich noch ein wenig müde vom frühen Aufstehen und Autofahren war, kam es mir total gelegen, dass uns die Menschen dort unter die Arme genommen haben. Nach einer kurzen Mittagspause ging es dann ans Zähne ziehen. Glücklich, aber müde, verschwitzt und um die 60 Patienten später fuhren wir zu unserem Hotel zurück. Eine Dusche aus einem Eimer voll Wasser hat noch nie so gut getan. Um 20 Uhr gab es dann Essen. Hühnchen/Hase/Fisch mit Reis/Pommes und Soße.
Das Zimmer habe ich mir mit einer Mitarbeiterin aus Benin geteilt. Ich war neugierig, wie bei ihr Zubett gehen und aufstehen aussieht. Fazit: Konnte keine gr0ßen Unterschiede feststellen. In der Klinik erzählt sie mir oft Geschichten, die mit Gott zu tun haben, also habe ich es mir auch nicht nehmen lassen, mir eine Gute-Nacht-Geschichte von ihr anzuhören. Meine erste Nacht seit bestimmt nun 4 Monaten ohne Klimaanlage und Schiffsschaukeln. Freitag. Um 6:50 Uhr klingelte uns dann der Wecker aus dem Bett. Zum Frühstück war improvisieren angesagt. Löffel und Wasserkocher haben wir versehentlich in der Klinik zurückgelassen. Nett, wie das Hotelpersonal war, konnten sie uns mit heißem Wasser und Löffel aushelfen. Das Frühstück war herrlich. Eine Mitarbeiterin hat Zimt-Röllchen gemacht, eine andere Bananen-Kuchen und Beeren-Kuchen. Sehr lecker! Gut gestärkt ging es dann wieder ins Flüchtlingslager. Diesmal konnten wir 90 Patienten sehen. Insgesamt konnten wir nun die erwarteten 150 Patienten sehen. YEAH! Auf dem Rückweg zum Schiff wurde dann mal noch hier und dort angehalten, um den Wochenendeinkauf zu erledigen. 20 Uhr hatte uns das Schiff dann wieder. Was für zwei erlebnisreiche Tage. Abends war ich dann echt müde, aber ich würde es jederzeit wieder machen.